Handelsblatt 06.05.2000, von Joachim Hofer
Seit der Gründung vor fünf Jahren hat die Virtual Identity AG hauptsächlich E-Business-Lösungen für Kunden entwickelt. Im vergangenen Jahr haben die Freiburger erstmals eigene Internet-Shops aufgebaut. Weitere Online-Geschäfte sollen regelmäßig folgen.
Zufrieden blickt Ralf Heller von der großen Terrasse über die Dächer von Freiburg. "Jeden Morgen";, erzahlt der Vorstand der Virtual Identity AG (VI), "gibt es bei uns ein Frühstücksbuffet, einmal in der Woche kommt ein Masseur ins Haus."; Das Unternehmen ist freilich kein Luxushotel im Zentrum der Altstadt in Freiburg, sondern ein modernes Multimedia-Unternehmen, das seinen Mitarbeitern außergewöhnliche Leistungen bietet.
Außergewöhnliche Leistungen für Mitarbeiter
Nicht ganz gewöhnliche Wege geht die Firma auch bei der Auswahl ihrer Geschäftsfelder. Neben dem angestammten Geschäft, den Dienstleistungen für Online-Auftritte, gründet die AG neue Internet-Unternehmen.
Zwei Internet-Shops hat VI Ende vergangenen Jahres bereits in kurzer Zeit auf die Beine gestellt: Der Spielwaren-Versender Alltoys.de entstand binnen drei Monaten, den Lifestyle-Shop Desaster.com entwickelten die Badener in lediglich vier Wochen (siehe Kasten). Vier bis fünf neue E-Business-Firmen sollen künftig pro Jahr entstehen. Das nächste Unternehmen steht bereits in den Startlöchern: Eine Einkaufsplattform im Internet für die Textilindustrie.
Mit den neuen Firmen sieht Ralf Heller die Unternehmens-Philosophie konsequent weitergeführt: Online-Geschäftsmodelle von der Idee bis zur Realisierung zu entwickeln - "für Kunden, mit Kunden und allein". Sobald die Freiburger eine Chance für eine erfolgreiche Neugründung sehen, wollen sie wie bei Alltoys und Desaster zuschlagen.
In fünf Jahren ist das von drei Absolventen der Fachhochschule Furtwangen gegründete Unternehmen auf insgesamt rund 120 Mitarbeiter gewachsen. Der Umsatz mit dem Kerngeschäft von VI im vergangenen Jahr: 7,5 Mill. DM. Zusammen mit den neuen E-Business-Plattformen soll es in diesem Jahr kräftig aufwärts gehen, insgesamt hoffen die Badener auf Einnahmen von 25 bis 28 Mill. DM. Schwarze Zahlen werden durch die Anlaufverluste der neuen Läden allerdings noch nicht in der Bilanz stehen, muss Ralf Heller eingestehen.
Durch eine Kombination zahlreicher Berufsfelder von Juristen über Betriebswirte bis zu Logistik-Experten schafft es VI, schnell auf neue Chancen in verschiedenen Märkten zu reagieren. Den überwiegend jungen Mitarbeitern kann der 30-jährige Heller gute Aufstiegsmöglichkeiten bieten: In den neu zu gründenden Firmen sind auch immer Führungspositionen zu besetzen.
Mit Stock-Options, wie viele andere junge Betriebe, kann VI freilich nicht werben. Obwohl die Firma als Aktiengesellschaft firmiert, ist sie nicht an der Börse notiert - und hat auch keine konkreten Pläne für eine Emission. "Wir wollen nicht Kasse machen, sondern die Internet-Zeit mitbestimmen", fasst Roland Fesenmayr, Vorstand und Mit-Unternehmensgründer, die Zukunftspläne von VI zusammen. Gewiss, es hätte auch schon Übernahmeangebote gegeben, doch zu mehr als dem Einstieg der Risikokapital-Firma TFG konnten sich die drei Gründer bislang nicht durchringen.
Die Öffentlichkeit soll zukünftig dennoch mehr über VI erfahren. Ein neuer Auftritt im Netz, sowie Werbung, die über die Shops Alltoys und Desaster hinausgeht, soll die VI als Marke etablieren. Die Referenzen sind einwandfrei: Zu den Kunden, denen E-Business-Lösungen gebaut wurden, gehören Ciba, Novartis, Siemens, Ravensburger und die Deutsche Telekom.
Weil trotz des Freizeitwertes nicht alle Internet-Spezialisten nach Baden ziehen wollen, hat VI jüngst in Berlin einen Ableger eröffnet. Auch in der Hauptstadt wird den Mitarbeitern einiges geboten: VI residiert auf 700 Quadratmetern in einem Dachgeschoss in schicken Hackeschen Höfen. Joachim Hofer
ALLTOYS.DE UND DESASTER.COM
Zwei Internet-Läden hat die Virtual Identity AG (VI) Ende vergangenen Jahres kurz nacheinander auf den Markt gebracht: Den Spielwaren-Versender Alltoys.de und den Trendshop Desaster.com. Alltoys mit 25 Mitarbeitern und Desaster mit 15 Leuten arbeiten als unabhängige Unternehmen, nutzen allerdings die Ressourcen der Muttergesellschaft. Alltoys sieht sich als qualitativ hochwertiger Laden, der zwar billiger als der stationäre Handel, aber kein Aldi unter den Spielwaren-Händlern sein will.
Desaster dagegen zeichnet sich vor allem durch die Auswahl witziger und außergewöhnlicher Lifestyle-Produkte aus. Der Accessoires-Laden im Netz hat übrigens einen höchst realen Vorgänger, einen Laden gleichen Namens am Unternehmessitz in Freiburg.