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Der Internet-Brutkasten

Badische Zeitung 12.08.2000, von Karl-Heinz Fesenmeier

FREIBURG. Virtual Identity klingt nicht gerade nach einem südbadischen Unternehmen. Doch das täuscht. Die auf Internet-Dienstleistungen spezialisierte Firma hat ihren Sitz mitten in Freiburgs Altstadt. In den großzügigen und ansprechend gestalteten Dachräumen in der Gerberau bereiten etwa 80 Computerexperten den Internetauftritt ihrer Kunden vor. Und im benachbarten Gebäude arbeiten nochmals rund 50 Leute bei den zwei Tochterfirmen, die ebenso wenig nach Südbaden klingen: Alltoys.de und Desaster.com.

1995 haben drei Absolventen der Fachhochschule Furtwangen das Unternehmen ins Leben gerufen. Angefangen hat alles mit einem Praxissemester, in dem die Studenten einen Auftrag vom Sportartikelhersteller Adidas erhielten. "Der Auftrag hat sich dazu angeboten, sich selbstständig zu machen", sagt Roland Fesenmayr, einer der drei Gründer. Ein Jahr später seien Aufträge von Vitra und Ravensburger hinzugekommen. Bis heute haben die jungen Unternehmer in Freiburg rund 130 Arbeitsplätze geschaffen, 30 weitere sind in Berlin entstanden. Auch die Kollegen in der Hauptstadt sind in einer schicken Ecke untergebracht, den Hackeschen Höfen.

Für Virtual Identity scheint es kein Halten zu geben. Die Internetschmiede sucht händeringend nach 30 weiteren Mitarbeitern, die sie bis spätestens Ende des Jahres gefunden haben will. Für Computerfreaks hat das Unternehmen nicht nur brachenübliche Gehälter zu bieten. Jeden Morgen gibt es ein kostenloses Frühstück, Tag für Tag eine herrliche Aussicht über die Dächer Freiburgs, und einmal in der Woche kommt eine Masseurin, um die von der Computerarbeit verspannten Nacken zu kneten.

Trotzdem ist es schwierig, geeignete Mitarbeiter zu finden. Da nützt es auch nicht viel, dass jeder, der einen neuen Kollegen auftut, eine Prämie von 2000 Mark bekommt. Der Stellenmarkt in der Branche ist leergefegt, was Fesenmayr zu der lapidaren Feststellung veranlasst: "Die Personalentwicklung bremst den Umsatz." Virtual Identity habe schon auf Aufträge verzichten müssen. Das Unternehmen versteht sich nicht nur als Internet-Dienstleister, der Aufträge von Kunden bearbeitet. Was Virtual Identity besonders zu reizen scheint, sind "business cases", wie Roland Fesenmayr es ausdrückt. Unter einem "business case" versteht er eine hauseigene Projektgruppe, die sich mit einem bestimmten Thema befasst und aus der sich ein eigenes Unternehmen entwickelt, welches nach einer gewissen Zeit in die Eigenständigkeit entlassen wird. Zwei solche "business cases" hat Virtual Identity bisher geschaffen: Alltoys.de und Desaster.com. Die eine Firma vertreibt über das Internet Spielzeuge, die andere Lifestyle-Artikel. Beide bestehen seit wenigen Monaten, allerdings schreiben sie hohe Anlaufverluste. Wie hoch die Verluste sind, will Fesenmayr nicht sagen. Für die Unternehmens-Ausgründungen sind verschiedene Varianten vorgesehen, etwa ein Verkauf, ein Einstieg einer Beteiligungsgesellschaft (wie TFG bei Alltoys.de) oder ein Joint venture mit einem Partner. Da es Internetfirmen im Wettbewerb mit der alt eingesessenen Konkurrenz einer Branche zunehmend schwerer haben, scheinen Joint ventures für die Zukunft erfolg versprechender zu sein. Der dritte "business case" jedenfalls, der zur Zeit im Bereich Mode vorbereitet wird, soll auf jeden Fall mit einem Partner aus der Textilbranche ins Werk gesetzt werden, sagt Fesenmayr. Mindestens vier Projektgruppen im Jahr - derzeit gibt es insgesamt sieben - will Virtual Identity als eigenständige Unternehmen ins Handelsregister bringen. Wenn man so will, gleicht Virtual Identity einer Firmen-Brutstätte. Und irgendwann, so hoffen offensichtlich die Vorstände von Virtual Identity, ist unter den Neugründungen das ganz große Los dabei. Denn: "Der Idealfall ist der Börsengang", sagt Roland Fesenmayr. Ob Virtual Identity selbst an die Börse gebracht wird, ist ungewiss. Eine Aktiengesellschaft jedenfalls ist das Unternehmen bereits.

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