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New Economy - made in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg medi@Magazin 2000, von Henry Steinhau

Ihre Geschäftsideen sind so zahlreich wie die Firmen selbst. Sie eröffnen Spielzeugläden im Internet, machen PC-Besitzer weltweit zu Discjockeys, digitalisieren das Lernen und sind innovativer denn je - die Macher von E-Business und New Economy aus dem Südwesten. Es ist unmöglich, sie alle zu beschreiben. Wir haben vier Protagonisten ausgewählt. Henry Steinhau hat sie porträtiert. Zum Beispiel Virtual Identity: Mit dem Standort Freiburg mag man im Grosskunden-und Massenmärkten orientierten E-Business-Geschehen nicht die besten Startbedingungen haben. Die Nähe zu einer der ältesten und wichtigsten Multimedia-Schulen einerseits und die bodenständige Entwicklung einer originären Unternehmensstrategie waren für die Freiburger Virtual Identity AG Basis für eine Positionierung unter den Top 30 in Deutschland.

Die Keimzelle des Freiburger Multimedia-Geschehens findet sich in Furtwangen. Die dortige Fachhochschule gehörte Anfang der neunziger Jahre zu den allerersten Bildungseinrichtungen mit einem speziellen Angebot zu neuen, interaktiven Medien und Multimedia. Es gab dort die Professoren Kerres und Steiner, die haben 1990, zu Zeiten von 386er PCs, von Filmen auf dem Computer und interaktiven Lernplattformen erzählt und Visionen einer sich entwickelnden Multimedia-Branche skizziert”, erinnert sich Roland Fesenmayr an sein Bewerbungsgespräch zur Aufnahme an die Fachhochschule, Fachrichtung Medieninformatik.

So wie bei Fesenmayr rannten die visionären Schwarzwälder Akademiker mit ihrem Konzept bei vielen neugierigen Geistern offene Türen ein: Programmieren für audio-visuelle Anwendungen, den Rechner als Neuland für Mediennutzung urbar machen, technisches Know-how zum Entwickeln kreativer Lösungen erlernen - die FH Furtwangen wurde zur ersten bundesweit anerkannten Talentschmiede für Multimedia-Spezialisten. So lag es für Fesenmayr und seine Studienkollegen Ralf Heller und Uschi Hilpert im doppelten Sinne nahe, ihr eigenes Unternehmen im Zentrum ihrer Heimatregion und nahe der FH anzusiedeln. Schon 1995, als die drei Virtual Identity” ins Leben riefen, waren qualifizierte Multimedia-Fachleute rar.

Nähe zur Fachhochschule
Die Nähe zur Fachhochschule zu pflegen, sollte sich schnell als wichtiger Überlebensfaktor erweisen. Obgleich nämlich die Schönheit des Breisgau und die wirtschaftlich attraktive Drei-Länder-Lage durchaus für den Standort Freiburg sprechen, ist im bundesweiten Massstab eine Randlage und ein Schattendasein nicht zu leugnen.

Schnell erkannten die Gründer, dass es besonderer Argumente und überdurchschnittlicher Anstrengungen bedarf, um sich im Wettbewerb der meist in den Metropolen Hamburg, München, Berlin, Köln/Düsseldorf und Frankfurt verorteten Multimedia-Agenturen zu stellen. Dem Ursprung der FH-Ausbildung entsprechend setzte Virtual Identity auf solide Technologie-Kompetenzen, die sich bis zu den grossen Agenturen in den Multimedia-Ballungszentren herumsprachen.

Ein quasi en passant entstandenes Content Management Systeme - eines der ersten seiner Art, das damals nur noch anders umschrieben wurde und von einem Einsatz für Online-Plattformen noch nichts wissen konnte - liess Virtual Identity die Luft des bundesweiten, ja, sogar internationalen Wettbewerbs schnuppern. Doch nachdem die ersten Projekte ausliefen, stand Virtual Identity am Scheideweg: Wir hatten zwei Alternativen”, erzählt Fesenmayr. Entweder hauptsächlich in der Region für Schraubenhersteller und Metzger arbeiten oder aber grösser werden und als Agentur richtig mitmischen.” Das war 1996.

E-business schlüsselfertig
Den ersten Schritt zum Wandel eines Dienstleisters, der immer wieder auch für grosse Agenturen den technologischen Unterbau komplexer Projekte erledigte, hin zu einer Full-Service-Agentur vollzog man durch Aufwertung von kreativer Kompetenz sowie von Consulting-Leistungen. Als viel wichtiger stellte sich aber die Entscheidung heraus, mit der Entwicklung eigener Web-Shops eigenständig ins E-Business und damit endgültig in die New Economy einzusteigen.

Als Virtual Identity Anfang 1999 den Grundstein für zwei Inhouse-Projekte, das Internet-Spielzeuggeschäft Alltoys.de sowie für das Geschenke-Portal Desaster.com, legte, war die Diskussion über die Zukunft der Multimedia-Branche in vollem Gange. Im Zuge der ersten Agentur-Börsengänge stand zur Debatte, wodurch man die Märkte, insbesondere aber Anleger und Investoren, mehr überzeugen könnte: Ausbau und Globalisierung der projektabhängigen Dienstleistung als Kerngeschäft oder Einstieg in das Produktgeschäft durch den Aufbau eigener, kommerzieller Plattformen oder Lösungen. Es zeigt sich dass - momentan noch - beides zu funktionieren scheint: globale Dienstleister-Netzwerke prosperieren gleichermassen wie typische E-Business-Start-ups, die handeln, versteigern oder anderweitig makeln.

Interessanterweise positioniert Roland Fesenmayr sein Mitte 2000 zur AG gewandeltes Unternehmen genau dazwischen und sieht es als "E-Business-Catalyst". Um diesen, gewiss einem Marketingkonzept entwrungenen Begriff zu entblenden, spricht Fesenmayr gerne von der Schlüsselfertigkeit”, mit der Virtual Identity mittlerweile ein E-Business-Konzept in kurzer Zeit realisieren kann. Insbesondere das Wissen um die Prozessabläufe und die Bereitstellung entsprechender Facilitäten, wie beispielsweise eine Digitalisierungsstrasse” zum Fotografieren und Katalogisieren von Handelsprodukten, habe man gelernt. Auch die Logistik, die Achillesferse jener Online-Shops, die mit echten Waren arbeiten, sei gemeistert.

Ob für die von Virtual Identity katalysierten E-Business-Sites dann ein Auftrag von einem existierenden (Handels-)Unternehmen vorliege oder eine internationale Netzwerk-Agentur als Projektführer auftrete oder Virtual Identity mit Kooperationspartnern agiere, womöglich auch nur temporär, weil das Projekt ein Start-up oder bald etabliert ist, oder ob die Firma selbstverantwortlich eigene Ventures realisiere, das sei dabei sekundär, so Fesenmayr. Kern des Konzepts sei es, skalierbare E-Business-Prozesse zu professionalisieren und zu kommerzialisieren.

Eine Strategie, die für Marktkenntnisse und Weitsicht spricht, aber auch weitere innere Turnarounds bei anhaltendem rapidem Wachstum beinhaltet. Sie ist aber, angesichts aggressiver Internationalisierungs-Feldzüge grosser Netzwerke und dynamischer Marktbereinigungszukäufe börsennotierter Gross-Agenturen, keineswegs eine Überlebensgarantie. Viel zu tun fürs Management. Mittlerweile ist das Breisgauer Unternehmen auf 100 Mitarbeiter angewachsen, der 1999 erzielte Umsatz von knapp 9 Millionen Mark soll 2000 deutlich überschritten werden; ein Börsengang ist wahrscheinlich.

Standortfrage ist Personalfrage
Mit der Eröffnung einer Niederlassung in Berlin und dem gleichzeitigen räumlichen Ausbau des Freiburger Hauptquartiers findet die Positionierung ihren adäquaten Niederschlag: zwischen vielfach verwurzelter Kerndienstleistung und neuökonomischem Digitalgeschäft mit Start-up-Appeal: Wir wollen den Boden, unsere Herkunft, unsere Sozialisation nicht verlieren”, erläutert Fesenmayr den bleibenden Technik-Bezug und ergänzt, dass Berlin strategisch wichtig war, zuallererst für die Integration neuer Kompetenzen, etwa im konzeptionell-kreativen Bereich. Weitere Standorte werden dem Prinzip des Kompetenz-Portfolios folgen. Denn die Mitarbeiter - derzeit kostbarsten Gut im E-Business - sind ein lenkendes Motiv für zukünftige Niederlassungsorte. Das Berliner Büro war unter anderem eine Folge eines gewissen Drängens aus den eigenen Reihen. Was kurios ist: den Ruf eines besonders reichhaltigen Angebots an kreativen, qualifizierten und motivierten jungen Leuten geniesst Berlin also auch, weil es kreative Kräfte immer wieder gerne in de Hauptstadt zieht. Zum Beispiel aus dem Breisgau, von der Fachhochschule Furtwangen, zu der man als Freiburger Unternehmen im Wortsinne die besten Drähte haben kann

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